Sarrazins Wunderlampe

Man kann natürlich darüber streiten, ob überhaupt so viel über Herrn S. geschrieben werden soll. Der Leser wird es mir verzeihen, wenn ich heute noch nicht widerstehen kann und das Thema nochmals aufgreife. Es scheint funktioniert zu haben: Sarrazin hat an der Wunderlampe gerieben und, entsprechend seiner bekundeten Absicht, die Integrationsdiskussion unaufhaltsam angefacht. Jetzt fragen sich viele Bürger und Diskutanten, warum man diesem Mann so etwas vorhält, anstatt ihm dankbar dafür zu sein. Ich will darauf eine kurze Antwort geben, die sich auf das bezieht, worüber ich ausführlicher in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Und dabei muss man die Sprache sehr genau nehmen: Gewiss, Mr. S. hat mit seinen provokanten und teils entwürdigenden Thesen die „Integrationsdiskussion“ vorangetrieben. Das kann ihm keiner mehr streitig machen. Wird er aber – und darum geht es doch eigentlich! – auch die „Integration“ damit voranbringen? Nein, das wird er nicht.

Sarrazin belebt nur alte, zum Teil überwunden geglaubte Vorurteile auf beiden Seiten und vertieft so die Gräben. Seine Thesen bewirken leider vor allem, dass sich jetzt wieder diejenigen lautstark aus der Deckung wagen, die schon immer gegen eine Multi-Kulti-Gesellschaft waren, die die christliche Religion irrtümlicherweise für einen konstitutiven Bestandteil der offenen Gesellschaft halten, beziehungsweise eine Unvereinbarkeit von ihr mit dem Islam unterstellen, Deutschland für (Ur-)Deutsche reservieren wollen, sogar die aktuelle deutsche Multi-Kulti-Fußballnationalmannschaft ablehnen. Und sie unterstützen natürlich auch diejenigen, die am rechtsradikalen Rand nach Menschen fischen. Das wird sich darüber hinaus negativ auf den Integrationswillen stolzer Türken und Araber auswirken.

Es stimmt: die Integrationspolitik ist Jahrzehnte lang stiefmütterlich behandelt worden. Alles, was hier auf der großen Politikbühne geschah, ist halbherzig. Dort diente das Thema stets nur als Plattform für dogmatische Streitereien und die Emotionalisierung von Wählern. Darum geht es auch bei dieser Diskussion wieder. Und täglich grüßt der böse Geist, der so schnell nicht wieder in der Wunderlampe verschwinden will. Jetzt sollen sogar schon 18 % der Bevölkerung eine S-Partei wählen wollen, wenn es sie denn gäbe. Beten wir zu Gott oder Allah, dass der Prophet Sarrazin dieser Versuchung widerstehen und die SPD ihn festhalten wird! Sonst wird seine „satirische“ Prophezeiung eine sich selbst erfüllende.

Wo es nicht nur schlechte Erfahrungen, sondern auch erstaunliche Erfolge gibt, ist auf der Mikroebene, wo durch die Initialisierung von Selbsthilfeprojekten die Probleme und Motive von Immigranten ernst genommen werden. Da gibt es – auch in Berlin – wirksame und interessante Beispiele. Meister S. hätte sich in seiner Berliner Zeit für deren Verbreitung einsetzen können. Aber warum sollten Politiker an der stillen Beseitigung von Problemen arbeiten, mit denen sie sich auf der großen Bühne immer wieder profilieren können?

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