Von der Emergenz im Fußball lernen

Man sagt, vom Fußball könne man viel lernen. In der Tat, dem stimme ich voll und ganz zu. Und damit meine ich nicht solche Halbwahrheiten wie „der Ball ist rund“ oder „das Spiel dauert 90 Minuten“. Nein, viel mehr kann man hier sehr gut beobachten, was Teamgeist ausmacht, wie wichtig kollektive Kreativität ist, und worauf ein Teamleiter achten muss. Das kann man auf viele Lebensbereiche anwenden – nicht zuletzt auf Wirtschaftsunternehmen. Ich will hier einmal den Versuch unternehmen, ganz grob die Faktoren zu identifizieren, die meines Erachtens aus dem amtierenden Weltmeister Deutschland den Letztplatzierten der Vorgruppe gemacht haben.

Gewiss lag es nicht an der Qualität der Einzelspieler. Die waren zum Teil ja noch dieselben wie damals und behaupten sich immer noch in international erfolgreichen Vereinen. Aber die Qualität der Mannschaft bemisst sich nur zu einem Teil aus den Werten der Einzelspieler. Das Ganze kann mehr sein als die Summe der Einzelteile. Das kann man vielleicht nirgendwo anschaulicher erleben als beim Fußball. In der Wissenschaft spricht man von „Emergenz“. In der Philosophie vertritt man zuweilen die These, dass das Bewusstsein eine emergente Eigenschaft des Gehirns ist. Nach dieser Logik könnte man sagen, dass der Teamgeist eine emergente Eigenschaft einer Mannschaft ist. Und genau die war 2014 herausragend und hat 2018 gefehlt.

Der Teamgeist kann Berge versetzen. Fehlt er hingegen, leidet die Leistung des gesamten Systems. Die Elemente des Systems, also die Mitglieder des Teams, fangen an, weniger das gemeinsame Ziel im Auge zu haben und verstärkt auf ganz persönliche Belange zu achten. Opfer- und Einsatzbereitschaft sind nicht besonders hoch. Man schützt sich stattdessen vor persönlicher Kritik, indem man vor allem versucht, individuelle Fehler zu vermeiden. Steht man nun im harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen oder – wie im hier betrachteten Fall – mit anderen Nationalmannschaften, die vielleicht keine Stars, aber einen sehr guten Teamgeist haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man verliert. Und so dreht sich die Abwärtsspirale weiter: Die Kritik an der Mannschaft wächst aufgrund schlechter Ergebnisse. Sie verteilt sich aber selten gleichmäßig auf das Team. Meist sind einzelne Spieler und/oder der Trainer besonders im Visier. Diese personelle Differenzierung – mag sie berechtigt sein oder nicht – bedroht wiederum den Teamgeist. Gelingt es dem Trainer beziehungsweise dem bereits angeschlagenen Mannschaftsgeist nicht, diesen Spaltungsdruck abzuwehren, setzt sich die Abwärtsspirale weiter fort.

Ohne in die spezielle Fußballgrammatik einzutauchen – was meine Fähigkeit auch ganz gewiss übersteigen würde – möchte ich abschließend hieraus ein paar Schlussfolgerungen ableiten, worin meines Erachtens der Misserfolg der deutschen Nationalmannschaft wesentlich gründet und worauf man daher in Zukunft besser achten sollte:

Erstens: Es ist schwierig, eine Mannschaft auf ein gemeinsames Ziel wirkungsvoll einzuschwören, wenn das Team, und noch schlimmer: nur ein Teil des Teams das Ziel schon einmal erreicht hat. Und zum Team gehört ausdrücklich auch der Trainer.

Zweitens: Es ist falsch, in der Nationalmannschaft über Jahre hinweg „Stammspieler“ zu halten, die quasi ein Abo auf ihre Nominierung gebucht haben. Wenn auf dem Platz gnadenlos das Leistungsprinzip gilt, muss das auch für die aktuelle Auswahl der Spieler gelten. Daran scheiterten nach Beckenbauers Weltmeisterschaft 1990 seine Nachfolger. Erst mit Klinsmann und Löw kam wieder Schwung in die Rotation. Der ist aber im Laufe der Jahre wieder verloren gegangen. Möglicherweise ist das eine Art Naturgesetz.

Deshalb gilt drittens: Wer den Job zu lange macht, verliert die Distanz, die ein Trainer zu den Spielern bewahren muss, um objektiv zu urteilen. Die Gefahr, sich an alte Weggefährten zu klammern, die durch höchste gemeinsame Erfolge mit dem Trainer besonders verbunden sind, ist groß.

Viertens: Wer im harten Wettbewerb erfolgreich sein will, muss kreativ sein. In der modernen Motivationspsychologie vertritt man heute die nachvollziehbare These, dass dazu eine gewisse Fehlertoleranz notwendig ist. Und ich denke, es gibt keinen Grund, warum das nicht auch für ein Fußballteam gelten sollte. Fehler sollten selbstverständlich nicht angestrebt, sondern vermieden werden. Doch darf das nicht zur Hauptdirektive werden, sonst leidet die Kreativität extrem darunter. Die Spieler werden mutlos und ihre Spielzüge für den Gegner ausrechenbar. Ich habe bereits oben beschrieben, dass eine Mannschaft mit angeknackstem Teamgeist ohnehin zur Konzentration auf die Vermeidung von Fehlern neigt. Im Falle der deutschen Nationalmannschaft kam dann noch hinzu, dass die Fehlervermeidung nach dem Mexiko-Spiel vom Trainerstab sogar zur offiziellen Strategie erhoben wurde.

Wenn man keine Tore schießt, dann mag die Schlussfolgerung zwar nahe liegen, durch Fehlervermeidung wenigstens keine Gegentore zu kassieren und dann vielleicht ein- oder zweimal Glück zu haben. Doch der Rückzug auf eine solche Defensivstrategie im weitesten Sinne des Wortes ist kein geeignetes Mittel, um Spitzenergebnisse hervorzubringen – weder im Fußball noch in der Wirtschaft.

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