Die Unantastbaren – Verantwortung ohne Haftung?

Schaut man auf den Weltkonzern VW, drängt sich das Bild eines Hochhausabrisses auf. Der Abgasskandal, dessen mittel- und langfristige Folgen von vielen Seiten anfangs klein geredet wurden, hat den einst so gefeierten Autobauer mittlerweile zu einem tragischen Getriebenen gemacht. Das Bittere daran – und für diese Einschätzung muss man wahrlich kein Sozialist und nicht einmal ein Gewerkschaftsmitglied sein – ist, dass im Unternehmen hauptsächlich die Unschuldigen für die Abrisskosten aufkommen müssen. Der zur Tatzeit oberste Hauptverantwortliche des Konzerns, Martin Winterkorn, ist hingegen, mit vollen Bezügen bis Ende 2016, auf den Golfplatz verbannt worden. Welch furchtbares Schicksal für Deutschlands Rekordhalter in der Disziplin Managervergütung, die sich auf fast 16 Millionen Euro pro Jahr belief. Und seit Jahresbeginn – so wurde kürzlich berichtet – kassiert der Ruheständler Winterkorn allein eine Betriebsrente von sagenhaften 3000 Euro pro Tag. Und weil man sich davon kein Auto leisten kann, gibt es lebenslang noch einen Dienstwagen oben drauf.

Ich habe diese Ungerechtigkeit zwar schon von Anfang an kritisiert. Doch mit jeder Meldung, die den Abstieg des einstigen Vorzeigeunternehmens weiter vorantreibt, vergrößert sich meine Empörung über die maßlose Entlohnung derjenigen, die dem Unternehmen einen nachhaltigen Schaden zugefügt haben. Winterkorn und seine verantwortlichen Vorstandsmitglieder haben ihre letzten Endes betrügerisch erwirtschafteten Umsatzboni definitiv nicht verdient. Spielen all die Negativmeldungen für die angeblich leistungsgerechte Bezahlung keine Rolle? Milliardenstrafen in den USA, weltweiter Abbau von 30.000 Stellen, die begründete Klage eines Lungenarztes wegen massenhafter Körperverletzung und die zu Recht angestrebte Klage der EU?

Obwohl diese Ungerechtigkeit zum Himmel schreit, höre ich wenig Protest gegen unangemessen hohe Managergehälter, fehlende persönliche Haftung, lebenslange Luxusgarantien und Verstöße gegen das Leistungsprinzip. Lange Zeit mussten sich Kritiker das Totschlagargument von der „Neiddebatte“ gefallen lassen, wonach man den Erfolgreichen angeblich nur nicht den Erfolg gönne. Doch wenn selbst der Casus Winterkorn nicht deutlich macht, dass es nicht um Neid geht, sondern um Gerechtigkeit, dann verliert der Kapitalismus seine ohnehin schon wackelige Glaubwürdigkeit. Wird der Maßstab Gerechtigkeit derartig vom Kapitalismus entkoppelt, schützt man letzteren nicht vor Kritik, sondern gibt ihm den Todesstoß und entwertet all seine positiven Errungenschaften. Dann wird sich Kapitalismus doch noch als Zwischenstufe zum Sozialismus entpuppen und Karl Marx am Ende Recht behalten.

Wir müssen begreifen: Gerechtigkeit hat nichts mit Sozialromantik zu tun, sondern muss systemunabhängig als hohes Gut für den Zusammenhalt einer Gesellschaft geschätzt und geschützt werden. Und das muss man nicht einmal unbedingt als reinen Selbstzweck verstehen, weil das letzten Endes auch enorme Auswirkungen auf den materiellen Wohlstand und die Lebensqualität hat. Es ist deshalb unsere Pflicht, mit offenen Augen zurück zu schauen und mit offenen Worten die Missstände zu benennen, anstatt jede Ungereimtheit als Bestätigung der Unzulänglichkeit des Systems zu interpretieren. Im vorliegenden Fall heißt das einfach: Winterkorn ist nicht der Mann, der ein Rekordgehalt bezogen hat, weil er es wert war. Winterkorn ist die Abrissbirne, die das riesige Hochhaus VW zum Einsturz brachte. Die Jahre des Wachstums waren trügerisch, um nicht zu sagen „be“-trügerisch. Nun muss der Mann mit der Hauptverantwortung dafür haften. Verantwortung ist ein leeres Wort, wenn sie nicht gepaart ist mit Haftung.

Es gibt nach wie vor nur zwei Interpretationsmöglichkeiten. Entweder bekommt ein Konzernchef nicht alles mit, was in seinem Laden passiert. Wobei man hier unterscheiden darf zwischen solchen Details, die er unverschuldet nicht alle kennen kann und solchen, die er wegen falscher Prioritäten oder aus Unfähigkeit schuldhaft nicht erfahren oder beachtet hat. Oder er hat alles gewusst und bewusst so laufen lassen, in der Hoffnung, damit durchzukommen, wonach es eher auszusehen scheint. Doch gleichgültig, welche Interpretation auf Winterkorn zutrifft, aus beiden ließe sich nur der Schluss ziehen, dass die Jahresbezüge von über 15 Millionen Euro nicht im Geringsten zu rechtfertigen sind. Ganz zu schweigen von den Bezügen im Ruhestand.

Der Minimalkonsens in unserer so genannten „Leistungsgesellschaft“ kann doch nur lauten: Wer vom Erfolgsfall außerordentlich profitiert, muss auch im Falle eines Misserfolges entsprechend haften. Für kleine und mittelständische Unternehmer, die mit ihrem Privatvermögen haften, gilt das. Selbst für Fußball- und Formel-1-Stars gilt das. Für angestellte Topmanager aber nicht. Wenn man diese einfache Gerechtigkeitsregel im Big Business, wo auch noch die Leistungsgerechtigkeit besonders intensiv gepredigt wird, außer Kraft setzt, muss man sich über eine gesamtgesellschaftliche Verflüchtigung der Verantwortung nicht wundern. Und mit dem Verschwinden von Verantwortung sinkt auch Stück für Stück unser Wohlstand – zunächst für diejenigen, die nicht in der Lage oder nicht willens sind zu betrügen, dann für die allermeisten. Wollen wir das?

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