Die Rückkehr der politischen Jugend

Sah es lange Zeit so aus, als sterbe das politische Interesse und Engagement mit den nachwachsenden Generationen aus, so können wir nun feststellen, dass das nicht der Fall ist. Der Nachwuchs hat sogar wieder vielversprechende politische Anführer unter sich. Gott – oder wem auch immer – sei Dank! Obgleich es schöner gewesen wäre, wenn es der Entschlossenheit der Minderjährigen zum Protest gar nicht erst bedurft hätte. Den Stein ins Rollen gebracht hat die beeindruckende 16-jährige Schwedin Greta Thunberg. Ihrem Aufruf folgen mittlerweile Schüler aus weit über 100 Ländern und bestreiken freitags unter dem Motto „Fridays for Future“ die Beschulung.

Hierzulande, wo man eine lange Tradition der Schulpflicht besitzt, stellt hingegen so mancher nicht nur die Legitimität, sondern auch die Glaubwürdigkeit der streikenden Schüler infrage: Es gehe den Schülern mehrheitlich um Schulschwänzen. Wenn ihnen an der Sache wirklich so viel liege, würden sie ihre Freizeit statt der Unterrichtszeit opfern, heißt es. Da brüllt beispielsweise der künstlich aufgeregte und umweltpolitisch untätige Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vom Rednerpult: „Wir brauchen keine Schulschwänzer, sondern wir brauchen eine Demonstration für Politik und Demokratie.“  Sein Parteifreund, der forschungs- und bildungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Albert Rupprecht, ist diplomatischer und findet das Engagement der Schüler grundsätzlich zwar gut, aber es sei etwas vollkommen anderes, „wenn Jugendliche die Schule schwänzen und gegen Gesetze und Regeln verstoßen, um eigene Vorstellungen durchzusetzen“. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) fände es glaubwürdiger, wenn Schülerinnen und Schüler sich zu Tausenden erst nach Schulschluss versammelten und damit ein persönliches Opfer in ihrer Freizeit bringen würden. Die Schule zu schwänzen sei der leichtere Weg.

Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, dessen Äußerungen ich oft gegen allzu leichtfertige Kritik verteidige, hat sich in dieser Angelegenheit leider nicht mit Ruhm bekleckert, als er gegenüber der „Bild am Sonntag“ sagte: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen“. Das sei eine Sache für Profis. Die Schüler – so ist von vielen konservativen Politikern zu hören – sollten lieber erst einmal brav und fleißig in der Schule lernen, damit sie später in der Lage seien, selbst die Welt zu retten! Ist das Dummheit, Ignoranz oder gar Zynismus?

Betrachten wir die Sache doch einmal realistisch. Das Mittel des Protestes, freitags statt zum Lernen in die Schule zum Demonstrieren auf die Straße zu gehen, ist klug gewählt. Es erweckt hohe Aufmerksamkeit und ist zudem ein sehr anschauliches Bild des Vorwurfes an die politisch Verantwortlichen, der da lautet: Wenn Ihr Euren Pflichten nicht nachkommt, gehen wir unseren auch nicht mehr nach. Und warum sollten wir für unsere Zukunft lernen, wenn Ihr nichts dafür tut, dass wir überhaupt noch eine lebenswerte Zukunft haben werden. Was nützt schon all das Wissen, was wir erwerben können, wenn es am Ende niemand ernst nimmt.

Für jemanden, der in den letzten Jahren auch nur halbwegs die Nachrichten und Forschungsergebnisse zum Thema Klimakatastrophe und Umweltschutz verfolgt hat, sind die Empörungen über Schulschwänzer glatter Hohn. Das ist etwa so, als würde man nachts in einem brennenden Haus aufwachen und seine Kinder ermahnen, sie sollen nicht im Schlafanzug auf die Straße laufen, weil sich das nicht gehört. Wenn Lindner von „einer Sache für Profis“ spricht, meint er dann, das sei die Sache von professionellen Politikern? Sollten nicht auch Politiker in dieser Sache unbedingt die Expertisen von Profis, in diesem Fall die der Naturwissenschaftler, ernst nehmen? Wenn etwa der viel kritisierte US-amerikanische Präsident Donald Trump stumpf alle wissenschaftlichen Studien und Warnungen seinen machtpolitischen Strategien unterordnet, sind sich doch auch weltweit fast alle Politiker darüber einig, ihn scharf dafür zu kritisieren. Und soweit ich weiß, gibt es keinen redlichen Naturwissenschaftler, der den dringenden Handlungsbedarf zur Vermeidung einer massiven Klimakatastrophe leugnet. Im Gegenteil. Die Prognosen gehen weit über den Anstieg des Meeresspiegels und die Gefährdung der Eisbären hinaus. Vielleicht sollte also Lindner seinen eigenen Rat befolgen und auf die Profis hören, anstatt auf die kurzfristigen Belange der Wirtschaft.

Gewiss können die protestierenden Jugendlichen nicht die sozialen, finanziellen und politischen Konsequenzen der jetzt notwendigen Maßnahmen abschätzen. Aber es ist dennoch unstrittig notwendig jetzt zu handeln. Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Eine Klimakatastrophe im verheerenden Ausmaß lässt sich nicht per Dekret verschieben wie ein Brexit. Hier geht es für alle, die noch länger als 20, 30 oder gar 50 Jahre auf diesem wunderbaren Planeten leben, um die Verhinderung eines GAUs. Wenn also in die Jahre gekommene Politiker und deren alternde Wähler sich tatsächlich damit zufriedengeben, aktuelle Probleme auf Kosten der Zukunft, die sie zumindest beruflich und im Zweifelsfall auch als Erdenbewohner nicht mehr erleben, zu bekämpfen, kann man nicht gleichzeitig erwarten, dass sich diejenigen, die den größten Teil ihres Lebens noch vor sich haben und keine Wahlberechtigung besitzen, sich wie Lämmer still und regelkonform dafür opfern.

Wenn Andreas Scheuer mahnt, man brauche keine Schulschwänzer, sondern Demonstrationen für Politik, dann verliere ich jeden Glauben an Wille und Kompetenz des Bundesministers. Gerade sein Resort müsste, anstatt die Autobauer zu bedienen, in dieser Phase mit echten Zukunftsvisionen aufwarten. Elektroautos, die eine schlechte Ökobilanz besitzen, retten das Klima jedenfalls nicht. „Demonstrationen für Politik“? Welche denn? Ist Klimapolitik etwa keine Politik? Wie „bescheuert“ muss man eigentlich sein, um öffentlich einen solchen Satz herauszuhauen? Da hat der Minister wohl zu oft die Schule geschwänzt. Wir brauchen keine Demonstrationen für Politik und Demokratie, sondern Politiker, die ihrer Verantwortung gerecht werden und der Realität ins Auge sehen. Man kann der jungen Schwedin nur dankbar dafür sein, dass sie den lethargischen Politbetrieb daran erinnert hat.

Noch ein paar Worte zum häufig zu hörenden Vorwurf, der Protest sei nur glaubwürdig, wenn er nicht an das Schulschwänzen gebunden sei. Das suggeriert ja, den Schülern würde es gar nicht um die eigene Zukunft gehen. Die tun also nur so, als ob sie an einer bewohnbaren Erde von morgen interessiert seien, oder wie? Diese Logik kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Natürlich wird es einen gewissen Prozentsatz geben, der sich weder Gedanken um die eigene Zukunft, noch um die der Erde oder der Menschheit macht und sich lediglich über schulfreie Tage freut. Doch halbwegs informierte Politiker, die ihre Sinne noch beisammenhaben, können diesen Mitnahmeeffekt der Desinteressierten doch nicht als Argument herannehmen, das objektiv vollends berechtigte Interesse der Jugend anzuzweifeln. Oder was sonst soll der Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Protestes bedeuten?

Einverstanden bin ich hingegen mit der Kritik an den meist linkeren Politikern, die die Schüler aktiv vor Konsequenzen für ihr Handeln beschützen wollen. Und an diesem Punkt muss ich sogar Lindner Recht geben, wenn er kritisiert, dass von höchster staatlicher Stelle, namentlich der Bundeskanzlerin Merkel, die Schulverweigerung begrüßt wird. Erstens ist das zynisch, weil sie als Regierungschefin seit über 13 Jahren die Hauptverantwortung für die Politik trägt und damit die Adressatin und nicht die Verbündete der Protestler sein kann. Zwar darf sie gerne mit den Schülern innerlich sympathisieren. Doch gehört es weder zu ihren noch zu den Aufgaben anderer Politiker und übrigens auch Lehrer, die Jugendlichen zur Vernachlässigung ihre Pflichten zu ermutigen. Das sollte die autonome Entscheidung der Schüler bleiben, die dann natürlich auch die Verantwortung und Konsequenzen ihres Handelns übernehmen müssen. Das Risiko, dass Noten und Zeugnisse darunter leiden, ist ihr Opfer und verleiht den Protesten noch mehr Glaubwürdigkeit. Die beeindruckende Schülerbewegung durch öffentliche Sympathiebekundungen und Ermutigungen jetzt parteipolitisch zu vereinnahmen und auszuschlachten, empfinde ich jedenfalls als unanständig und abstoßend.

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